Fragen zu United Initiators

Liebe Pullacherinnen und Pullacher,

Welche Folgen können die Umbaupläne des Unternehmens United Initiators für Pullach haben? Vor allem: Sind wir Bürgerinnen und Bürger von Pullach dann einem höheren Risiko für unsere Gesundheit ausgesetzt? Diese Frage bewegt derzeit fast alle, die hier leben und arbeiten.

United Initiators unterliegen der sogenannten Störfallverordnung. Ein seltsames Wort. Es bedeutet, dass umfangreiche Vorkehrungen zu treffen sind um Unfälle auszuschließen.  Ferner muss alles getan werden, um im Falle eines Unfalls den Schaden geringstmöglich zu halten und lokal einzugrenzen. Wenn doch ein Unfall passiert, müssen die Ursachen genau analysiert werden, und es sind Maßnahmen zu treffen um eine Wiederholung zu verhindern.

Diese Vorschriften werden streng überwacht und regelmäßig überprüft.  Wenn – wie jetzt im Fall der Umbaupläne – Änderungen im Betrieb vorgesehen sind, ist eine erneute sicherheitstechnische Überprüfung und Genehmigung  notwendig.

Es ist selbstverständlich, dass diese Genehmigungen der zuständigen Fachbehörden für die Gemeinde eine zwingende Voraussetzung sind, um ihre Zustimmung zu den Umbauplänen nach Baurecht zu geben.  Die Auskünfte der Genehmigungsbehörden an die Gemeinde dürfen nur zum Teil weitergeben werden, nämlich der Bescheid, ob sicherheitstechnische Bedenken vorliegen oder nicht, bzw. ob der Betrieb den gesetzlichen Vorschriften genügt oder nicht. Darüber hinaus gehende Informationen betreffen oft Betriebsgeheimnisse und dürfen nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Wir GRÜNE Gemeinderätinnen und -räte haben – wie wahrscheinlich andere auch – das dringende Bedürfnis, möglichst viel von dem zu verstehen, was da bei United Initiators anders werden soll. Wir wollen die Bescheide der Genehmigungsbehörden nachvollziehen können. Mit Dr. Peter Bekk haben wir glücklicherweise einen ausgewiesenen Experten in unseren Reihen. Er ist Chemiker, hat in dem Unternehmen gearbeitet, ist aber jetzt in keiner Weise abhängig von United Initiators, und er lehrt Risikomanagement in Innsbruck. Wir haben ihn gelöchert – mit unseren Bedenken und all den Fragen, die uns von Ihnen, liebe Pullacherinnen und Pullacher, zugetragen wurden.

  • Warum sind Peroxide Gefahrstoffe, worin genau liegt die Gefährdung für Mensch und Umwelt? 
  • Was ist der Unterschied zwischen Sprengstoffen und organischen Peroxiden?
  • Wozu braucht man die Peroxide überhaupt?
  • Welche Maßnahmen erhöhen die Sicherheit der Mitarbeitenden und der Wohnbevölkerung?
  • Welche Folgen hat es, wenn höhere Mengen gelagert sind?
  • Warum ist die Verpackung der organischen Peroxide ein wichtiger Faktor für die Sicherheit?
  • Bringt das neue Logistik-Konzept von United Initiators  Vorteile für die Pullacherinnen und Pullacher?

Die Antworten auf diese und mehr Fragen können finden Sie im folgenden hier auf der Webseite.

Übrigens: Uns ist natürlich bewusst, dass sich mit den Umbauplänen bzw. dem neuen Logistik-Konzept auch andere Fragen stellen, z.B. nach Natur- und Artenschutz, nach der ökologischen Belastung, nach der Bedeutung für Arbeitsplätze im Wirtschaftsraum südlich von München. Diese Fragen werden im vorliegenden Beitrag nicht behandelt.

Zu Peroxiden – ihr Charakter als Gefahrstoff

Was sind Peroxide? Was machen Peroxide?

Als Peroxide bezeichnen die Chemiker eine Stoffklasse – so wie es die Stoffklassen der Alkohole, Zucker, Säuren etc. gibt. Das einfachste Peroxid ist das Wasserstoffperoxid (die Summenformel ist H2O2, das Molekül hat wie alle Peroxide eine schwächere O-O Bindung zwischen zwei Sauerstoffatomen – während der Luftsauerstoff eine stabile O-O Doppelbindung aufweist). Wasserstoffperoxid wird weltweit in sehr großen Mengen für das Bleichen von Papier und Zellstoff verwendet wird (statt der früher verwendeten umweltbelastenden Chlorbleiche) sowie zur Herstellung von Propylenoxid (ein wichtiger Ausgangsstoff für Waschmittel) aber auch für Umweltzwecke wie z.B. in der Abwasserbehandlung oder zur Behandlung von sauerstoffarmen Gewässern. Im Haushalt verwendet man mit dieses Peroxid in abgewandelter Form als Sauerstoffbleiche / Fleckensalz in den heute üblichen Waschmitteln. Wasserstoffperoxid ist eine durchaus umweltfreundliche Chemikalie, da diese sich in der Anwendung zu Wasser und Sauerstoff zersetzt.

Was sind organische / was anorganische Peroxide?

Neben dem einfachen Wasserstoffperoxid gibt es noch eine Unzahl weiterer Peroxide. Die Chemiker unterscheiden dabei sogenannte anorganische Peroxide (Peroxide, welche keinen Kohlenstoff enthalten) von den organischen Peroxiden (also Stoffe, welche Kohlenstoff enthalten).
Anorganische Peroxide sind in der Regel salzartige Produkte, wie das schon genannte Fleckensalz oder auch die bei United Initiators hergestellten Persulfate.
Organische Peroxide sind Verbindungen von Wasserstoffperoxid mit organischen Stoffen wie z.B. Alkoholen, Ketone oder organischen Säuren. Diese organischen Peroxide sind in der Regel farblose Flüssigkeiten oder in selteneren Fällen farblose Pulver.
Von den Hunderten von Peroxiden, welche ein Chemiker herstellen könnte, wird allerdings nur eine kleine Anzahl von 30-40 Peroxiden wirklich technisch genutzt.

Was macht sie zu Gefahrstoffen?

Die gefährlichen Eigenschaften der Peroxide sind je nach Stoffklasse und auch je nach individuellem Stoff sehr unterschiedlich:
1. Wasserstoffperoxid ist in höheren Konzentrationen ätzend und kann, da es sich zu Wasser und Sauerstoff zersetzt, brandfördernd wirken. Der entstehende Sauerstoff kann dann andere Stoffe – wie zum Beispiel eine Holzpallette, auf die Wasserstoffperoxid tropft, in Brand setzen.
2. Die bei United Initiators hergestellten Persulfate sind ebenfalls als brandfördernd klassifiziert und haben eine reizende Wirkung auf Haut und Schleimhäute. Sie können bei Zersetzung ätzende Gase (Schwefeloxide) entwickeln. Eine solche Zersetzung in der Lagerung von Persulfaten hat sich allerdings in der langen Historie des Unternehmens noch nie ereignet.
3. Organische Peroxide haben je nach Aufbau des Moleküls sehr unterschiedliche Eigenschaften. Allen organischen Peroxiden ist aber gemein, dass sie bei Wärmeeinwirkung sich selbst zersetzen. Diese Zersetzung kann bei einigen dieser Stoffe auch unterhalb von Raumtemperatur derartig rasant schnell sein, dass diese sich selbst entzünden und im Extremfall es zu einer Explosion oder gar Detonation führen kann. Mit solchen extrem gefährlichen Stoffe will kein vernünftiger Mensch umgehen – allerdings werden diese Art von gefährlichen Peroxiden von Terroristen als Sprengstoffe selbst hergestellt und in Selbstmordanschlägen missbraucht.
Es wird deshalb nur eine geringe Anzahl von organischen Peroxiden überhaupt industriell genutzt. Diese sind auf ihre anwendungstechnischen Eigenschaften hin ausgesucht worden und sind sicherheitstechnisch intensiv ausgetestet. Eine behördliche Zulassung für das Inverkehrbringen auf der Basis der vorgeschriebenen Sicherheitstests ist zwingend erforderlich.

Warum ist die Verpackung von Organischen Peroxiden so wichtig für die Sicherheit?

Fast alle Produkte in den Lagern für Organische Peroxide sind in 30l – Kunststoffkanistern aus Polyethylen (Feststoffe in Kartons) verpackt.

Diese Art der Kleinverpackung in sogenannten „weichen“ Gebinden hat einen sicherheitstechnischen Hintergrund. Damit wird im Brandfall oder einer Selbstzersetzung des Produkts durch Wärme eine Verdämmung der flüssigen Peroxide vermieden. Die Kunststoffkanister würden einfach aufbrennen oder aufplatzen. Das flüssige Peroxid würde in der Folge auslaufen und ohne Verdämmung abbrennen.

Was hat es mit der Verdämmung auf sich?

Ich denke, jeder kennt Schwarzpulver (Mischung aus Holzkohle, Schwefel und Kaliumnitrat/Salpeter). Wenn man 10g Schwarzpulver in der Form einer Art Schnur/Schlange ausschüttet, dann bekommt man beim Anzünden so eine Art Zündschnur. Das Schwarzpulver brennt dann in mäßiger Geschwindigkeit entlang dieser Pulverschlange ab. Das kennt man doch aus Western oder Piratenfilmen ((-:
Wenn man hingegen die 10g Schwarzpulver in eine Patrone verpresst und mit einem Zündplättchen zündet, dann gibt es einen gscheiten Knall – also eine Explosion. Das liegt an der Verdämmung durch die feste Wandung der Patrone. Beim Abbrand des Schwarzpulvers entstehen aus den Stoffen im Schwarzpulver große Mengen an Gasen (CO2, SO2, Stickoxide), welche dann nicht aus der Patrone entweichen können – der entstehende Gasdruck führt dann zu einer explosionsartigen Entlastung, indem das Projektil dann die Energie aufnimmt.

Um einem Druckaufbau bei der Zersetzung oder Verbrennung von Organischen Peroxiden zu vermeiden, dürfen diese eben nur in diesen „weichen“ Kleingebinden in den Verkehr gebracht werden. Es gibt durchaus technisch verwendete Organische Peroxide, welche in einer starren Verdämmung (z.B. Metallbehälter) explosionsfähige Eigenschaften zeigen. Man testet dies, indem man die Stoffe in einem standardisierten Stahlrohr mit einer Sprengkapsel versucht zu zünden (z.B. UN Test im 2-Zoll Stahlrohr). Allerdings dürfen dann nur solche Stoffe oder Abmischungen in den Verkehr gebracht werden, welche in einer „weichen“ Verpackung gesichert keine explosiven Eigenschaften mehr haben.

Von der zuständigen Fachbehörde der BAM (Bundesanstalt für Materialprüfung) in Berlin gibt es umfangreiches Filmmaterial zu Abbrandversuchen von verschiedenen Organischen Peroxiden – verpackt in den zugelassenen Kanistern – im Tonnenmaßstab. Diese Abbrandversuche zeigen, dass auch grössere Mengen an organischen Peroxiden in Kanistern verpackt und auf Paletten gestabelt, lediglich heftig abrennen, aber keine Explosion verursachen.

Noch ein abschließender Hinweis zu einem ganz wesentlichen Unterschied von Sprengstoffen und Organischen Peroxide. Bei Sprengstoffen werden aufgrund der chemischen Zusammensetzung große Mengen Gase bei der Explosion schlagartig freigesetzt – darauf beruht ja genau die erwünschte Sprengwirkung (siehe Schwarzpulver, TNT, Dynamit aber auch das Ammoniumnitrat in Beirut). Diese Stoffe reagieren zudem ohne Zuhilfenahme von Sauerstoff aus der Luft. Das Oxidationsmittel ist chemisch in den Stoffen schon eingebaut (alles was irgendwie Nitrat oder Nitro genannt wird).
Diese Aspekte liegen bei Organischen Peroxiden völlig anders. Bei deren Zersetzung entstehen nicht diese großen Mengen an Zersetzungsgasen. Zudem benötigten Organische Peroxide zum Abbrand den Luftsauerstoff. In den Molekülen ist zwar etwas Sauerstoff enthalten (die Peroxi Gruppe O-O) – aber dies 2 Atome Sauerstoff reichen stöchiometrisch hinten und vorne nicht aus, um das Gesamtmolekül vollständig zu Kohlendioxid und Wasser oxidieren/verbrennen zu können.

Die oben aufgeführten Erklärungen gelten ausdrücklich nur für diejenigen Organischen Peroxide, welche eine Zulassung haben, in Verkehr gebracht zu werden.
Wie schon angesprochen, gibt es aus der Substanzklasse dieser Stoffe auch Organische Peroxide, welche extrem explosionsgefährliche Eigenschaften haben (wie sie von Selbstmord-Terroristen verwendet werden) . Mit solchen Stoffen, welche schon bei leichtester Berührung losgehen können, will natürlich kein vernünftiger Mensch umgehen.

Wozu braucht man Peroxide?

Anwendungsbereiche

Die erste Anwendung eines Peroxids erfolgte vor dem 1.Weltkrieg, nämlich für das Bleichen der damals modischen Strohhüten mit Wasserstoffperoxid. Der Herstellung des Wasserstoffperoxids erfolgte in Pullach nach dem sogenannten Münchner Verfahren auf elektrochemischem Weg. Der Strom dazu kam über Wasserturbinen an Flüssen – wie in Pullach aus den Kraftwerken am Isarkanal. Deshalb kam es zur Gründung der Elektrochemischen Werke München (EWM) – heutigen United Initiators – in Pullach. Im 1.Weltkrieg war Wasserstoffperoxid neben Jod ein wichtiges Mittel zur Wunddesinfektion. Zur Desinfektion wird Wasserstoffperoxid heute noch verwendet – z.B beim Zahnarzt. Im 2.Weltkrieg gewann dieser Stoff wehrtechnische Bedeutung für den blasenfreien Antrieb von U-Booten und Torpedos (Walter Antrieb) und für die Lenkraketen der V2-Waffen. Heute wird Wasserstoffperoxid weltweit in sehr grossen Mengen hergestellt. Hauptanwendung ist die chlorfreie Bleiche von Papier und Zellstoff.
Am Standort der heutigen United Initiators wurde bis in die 90er Jahre Wasserstoffperoxid hergestellt. Heute wird diese Grundchemikalie dort zugekauft.
Das oben schon genannte Münchner Verfahren wird aber am Standort weiter betrieben, nicht mehr zur Herstellung von Wasserstoffperoxid, sondern für die Persulfatprodukte. Diese Produkte fanden eine frühe Anwendung in der Haarkosmetik. Persulfate sind für das Färben von Haaren und für die Dauerwelle auch heute noch eine ganz wesentliche Komponente.
In den 50er Jahren wurde die Entwicklung von Kunststoffen vorangetrieben. Kunststoffe sind sogenannte Polymersubstanzen. Das heißt, dass diese Stoffe durch die chemische Verbindung vieler kleiner Moleküle/Bausteine (die sogenannten Monomere) in lange Molekülketten hergestellt werden. Man kann sich das vorstellen, wie die lange Aneinanderreihung von Legobausteinen. Um die Monomerbausteine zu langen Ketten zu verbinden, muss man diese chemisch „anstossen“. Hierzu werden Organische Peroxide verwendet. Durch den thermischen Zerfall der Organischen Peroxide werden die Monomere angeregt, sich zu solchen Polymerketten zu verbinden.
Die Produktion von Organischen Peroxiden bei der EWM wurde in den 50er Jahren begonnen mit der Wacker Chemie als ersten Kunden.

Wozu werden aktuell die Peroxide aus Pullach verwendet?

Heute werden in Höllriegelskreuth Persulfate und Organische Peroxide hergestellt. Die United Initiators gehört bei diesen Spezialchemikalien zu den Weltmarktführern.
Persulfate haben ein sehr breites Anwendungsgebiet: Haarkosmetik, Desinfektion, Wasseraufbereitung, Bleichen von Textilien, Papierrecycling, in der Herstellung von Leiterplatten und in der Kunststoffherstellung.
Das Hauptanwendungsgebiet von Organischen Peroxiden liegt in der Kunststoffherstellung, in der Vernetzung von Kunststoffen und der Härtung von Polyesterharzen. Dahinter verbergen sich auch Spezialanwendungen wie beispielsweise in der Herstellung der Flügel von Windkraftwerken, der Schutzfolien für Photovoltaikmodule, der Sanierung von Abwasserkanälen mit Inlayern (damit vermeidet man die aufwendigen Aufgrabarbeiten), Klebstoff für Strassenmarkierungen, chemische Dübel oder auch zur Herstellung von Polypropylenfasern, wie diese für medizinische Schutzmasken benötigt werden (hierzu gibt es übrigens eine tolle Sendung mit der Maus).

Es gibt für diese Spezialstoffe nur 3-4 große Produzenten weltweit. Große Teile der Kapazitäten sind in China. Aufgrund der relevanten Anwendungsgebiete der Produkte, sollte aus versorgungsstrategischen Gründen eine ausreichende Produktionskapazität in Europa verbleiben.

Sicherheitsvorkehrungen

Welche Vorkehrungen können getroffen werden, damit sich keine Störfälle ereignen?

Bei der Herstellung und Handhabung von industriell genutzten Organischen Peroxiden besteht grundsätzlich immer eine erhöhte Gefahr für schwere Brände und Explosionen. In der Historie der Industrie der organischen Peroxide gab es eine größere Zahl solcher Unfälle – auch am Standort Höllriegelskreuth aber auch in den letzten Jahren einige Vorfälle in Nordamerika.
Aufgrund dieser Erfahrungen sind Herstellung und Handhabung dieser Stoffklasse in der EU über die sogenannte Seveso Richtlinie (die deutsche 12.BImSchV / Störfallverordnung) und eine Vielzahl von Verordnungen, Vorschriften und technischer Richtlinien streng reglementiert. Die Hersteller dieser Stoffe wie auch die einschlägigen nationalen Fachbehörden und die UN (für den Transport der Stoffe) weltweit eng auf dem Gebiet der Sicherheitstechnik zusammen.
Kurz aufgelistet die wichtigsten Elemente, um diese Stoffe sicher produzieren und handhaben zu können:

  1. Strenge Austestung und reglementierte Zulassung, welche der vielen möglichen Organischen Peroxide überhaupt technisch hergestellt und verwendet werden dürfen. Das heißt vor allem, dass nur solche Produkte in den Verkehr gebracht werden dürfen, welche in der vorgeschriebenen Verpackung kein Explosionsrisiko in Substanz (also wie ein Sprengstoff) haben.
  2. Rigide Sicherheitstests in der Entwicklung der Produktionsprozesse und grundsätzlich eine Minimierung der Inventare in der Produktion, Reglementierung der zulässigen Lagermengen der Produkte nach deren Gefahrenklasse und der realisierten Sicherheitsbauweise / Löschanlagen
  3. Kontrolle der Produktionsprozesse über zugelassene hochverfügbare Prozeßleitsysteme aus einer gesicherten Meßwarte, rigides Management of Change System, um jede technische Änderung im Vorfeld sicherheitstechnisch zu überprüfen,
  4. Wirksame, redundante (also mehrfach wirksame Systeme) und hochverfügbar automatische Abschaltvorrichtungen, um unkontrollierte Reaktionsverläufe abbrechen zu können, regelmäßige Funktionskontrolle dieser Vorrichtungen
  5. Sicherheitsbauweise der Produktionen und Lagerräume, welche einen eventuellen Vorfall auf eine Produktionsanlage bzw. einen Lagerraum begrenzt
  6. Brandmeldeanlagen mit automatischen hochwirksamen Löschanlagen – auch für die gekühlten Lagereinrichtungen
  7. Ausreichenden Abstand der Gebäude voneinander und vom Werkszaun bzw. den nächsten Wohngebäuden außerhalb des Werkszauns

Wie wird der Schaden im Falle von Störfällen gering gehalten?

siehe o.g. Maßnahmen – insbesondere die Elemente „Inventarbeschränkung“, Sicherheitsbauweise und Löschanlagen, Abstandsregelungen zwischen den Gebäuden und zum Werkszaun. Hinzu kommen die in der chemischen Industrie üblichen schadensbegrenzenden Massnahmen wie Löschwasserrückhaltung, Werksfeuerwehr und werksärztlicher Dienst sowie die regelmäßigen Übungen zusammen mit den öffentlichen Einsatzkräften sowie die Information der benachbarten Bevölkerung über die Verhaltensregeln im Falle eines Unfalls/Vorfalls

Auf welche Störfälle hat sich das Unternehmen eingestellt?

Das Unternehmen unterliegt den erweiterten Pflichten der 12.BImSchV / Störfallverordnung und hat somit die Verpflichtung, eine ausführliche und umfassende Risikoanalyse auszuarbeiten (Störfallbericht), in welchem sämtliche mögliche Vorfälle zu analysieren sind hinsichtlich ihrer Auswirkungen und Eintrittswahrscheinlichkeiten wie auch hinsichtlich der Wirksamkeit der getroffenen Sicherheitsmassnahmen, diese Auswirkungen auf ein akzeptables Ausmaß zu begrenzen.
Dieser Störfallbericht ist stets aktuell zu halten. Sämtliche relevanten Änderungen müssen sicherheitstechnisch analysiert und in diesen Bericht eingearbeitet werden.

Wer überprüft die Sicherheit?

Zuständige Genehmigungsbehörde nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) ist das Landratsamt München. Das Landratsamt stützt sich in den Genehmigungsverfahren wie auch in der Überwachung auf die einzelnen Fachbehörden (z.B. Landesamt für Umweltschutz, Gewerbeaufsichtsamt, Wasserwirtschaftsamt, ….) sowie auf technische Experten und Gutachter wie beispielsweise der TÜV Süd oder die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM, Berlin). Insbesondere der Störfallbericht wird von den zuständigen Fachbehörden einer intensiven Überprüfung und regelmäßigen vor-Ort-Kontrolle unterzogen. Diese Vor-Ort-Überprüfungen erfolgen in der Regel jährlich mit einem großen Behörden- und Expertenteam von 10-20 Personen in einem Audit, welches mehrere Tage dauert.

Wie kann man sich auf die Prüfung verlassen?

Die üblichen Genehmigungsdauern in einem BImSchG Verfahren von mehreren Monaten bis hin zu weit über einem Jahr beruhen nicht auf einer langen Wartschleife in den Behörden, sondern auf den tatsächlich sehr intensiven Prüfungen durch die Fachbehörden und beauftragten Gutachter. Die behördlichen Fachprüfungen in der chemischen Industrie sind im Vergleich zu anderen Ländern – auch innerhalb der EU – auf einem qualitativ sehr hohen Niveau. Es wäre wünschenswert, wir hätten ein ähnliches Überwachungsniveau in anderen Bereichen wie z.B. aktuell der Fleischindustrie.

Wie hat das Unternehmen auf bisherige Störfälle reagiert?

  • In der über 100 Jahre dauernden Historie des Unternehmens in Höllriegelskreuth haben sich etliche, zum Teil sehr schwere Vorfälle ereignet. Es handelte sich dabei durchweg um schwere Brandvorfälle. In den 90er Jahren hat sich im Technikumsgebäude in einem Versuchsansatz eine schwere Explosion ereignet, in dem tragischerweise 3 Mitarbeiter des Unternehmens ihr Leben verloren.
    Bei allen schweren Unfällen in der gesamten Firmengeschichte kam es allerdings nie zu einer wirklichen Gefährdung außerhalb des Werkszauns – wenn man von den Raucheinwirkungen der Brände, welche man sich grundsätzlich nicht aussetzen sollte, einmal absieht. In den 80er Jahren wurde durch einen Brand zwar die S-Bahnlinie mit beschädigt, aber auch damals kam es zu keiner Personengefährdung außerhalb des Werksgeländes.
    Wie waren die Reaktionen des Unternehmens? Nach dem Vorfall mit der Beschädigung des S-Bahnlinie wurde entlang der Bahnstrecke das heute noch gut sichtbare Hochregallager gebaut – als eine Brandschutzmauer für die Bahngleise. Aus zwei größeren Bränden im Produktionsbereich wurden größere Investitionen getätigt, um auch große Mengen anfallenden Löschwasser sicher auffangen zu können, die Löschanlagen weiter zu ertüchtigen, ausreichende Freiräume um die Produktionsgebäude zu schaffen und zur Sicherheit des Bedienungspersonals eine zentrale Meßwarte außerhalb der Produktionsgebäude zu schaffen.
    Das Unternehmen hat nach dem tragischen Tod von 3 Mitarbeitern in mehrjähriger Arbeit unter Hinzuziehung externe Experten einen für diese Industriebranche richtungsweisenden Standard für die Prozessicherheit aufgebaut, welcher auch heute noch auf allen Standorten des Unternehmens in Kraft ist und weiter ausgebaut und gepflegt wird. Die Fachausbildung und das Training der Belegschaft hinsichtlich Produkt- und Prozesssicherheit sind ein wesentliches Element dieses Standards.
  • Das Testlabor für Prozeß- und Produktsicherheit wurde ausgebaut und ist auf dem Stand der Technik.
    Es wurde ab den späten 80er Jahren eine offene und intensive Kommunikation mit der Bevölkerung in Pullach über viele Jahre gepflegt. Viele Pullacher erinnern sich noch an die Tage der Offenen Tür sowie die Abendvorträge des Peroxid-Chemie Forums. Leider hat sich hier seit dem Verkauf des Unternehmens an Privatinvestoren im Jahr 2008 ein merkliches Defizit entwickelt.

„Weiche Faktoren“ für die Sicherheit (z.B. wissen die LKW-Fahrer, was sie machen? Pausenregelung etc. bei den Arbeitnehmern)

zu Ausbildung und Training siehe oben,
Für die Rohstoff- und Fertigprodukttransporte arbeitet das Unternehmen nicht mit Billig-Spediteuren zusammen, sondern ausschließlich mit Fachspeditionen für den Transport von Gefahrstoffen. Sämtliche LKW’s , welche Gefahrstoffe transportieren werden in der Logistik des Unternehmens bzgl. der erforderlichen Sicherheitsvorschriften routinemäßig überprüft.

Das Logistik-Konzept „Big Wings“

Was ist / was will Big Wings?

Es ist ein neues ein neues Logistik-Konzept des Unternehmens. Es dient dazu, die Effizienz und Sicherheit der Prozesse von Lagerung und Transporten innerhalb des Unternehmens sowie für den Versand der Produkte zu verbessern.
Im Kern sieht das neue Logistik-Konzept vor, dass LKWs alle jeweils gewünschten Produkte – im Falle von United Initiators sind das Pulver oder Flüssigkeiten – im Einbahnsystem aufladen und ausliefern können, d.h. ohne hin und her zu rangieren und ohne vorher in den Lagern umzuräumen. Das erspart Wege, innerhalb des Werkes in Pullach, aber auch zu und von Außenlagern, und die Gefahrstoffe müssen weniger bewegt werden. Insbesondere kann mit dem zukünftigen Logistikkonzept die Kühlkette von temperatursensiblen Produkten von der Produktion über die Lagerung und Bereitstellung zum Versand sichergestellt werden.

Was ändert sich bezüglich Verkehrsbelastung?

Der LKW Verkehr in Höllriegelskreuth wird sich durch das Projekt wohl verringern. Derzeit werden mangels Lagerkapazitäten Fertigprodukte (Organische Peroxide) in Außenlägern in Deutschland und Frankreich ausgelagert. Zur Kommissionierung der Kundenaufträge müssen dann diese ausgelagerten Produkte wieder nach Pullach transportiert werden. Dieses Verkehrsaufkommen entfällt dann mit dem erweiterten Logistikkonzept der Firma.

Was ändert sich bezüglich Sicherheit auf dem Gelände?

Mit dem Projekt sind zwei wesentliche, die Sicherheit betreffende Änderungen verbunden:

  1. Es werden neue Lagergebäude für Organische Peroxide errichtet. Damit wird die nutzbare Lagerkapazität für Organische Peroxide wird von heute ca. 900 Tonnen um 600 Tonnen auf dann insgesamt 1.500 Tonnen wesentlich vergrößert.
  2. Das Unternehmen errichtet neben den neuen Lägern auch ein neues Versandgebäude für Organische Peroxide. In diesem Versandgebäude können zukünftig auch gekühlte Produkte für den Versand kommissioniert werden.

Welchen Einfluss haben diese Erweiterungen auf die Sicherheit?

Zu 1.: Die erweiterten Lagerkapazitäten erhöhen insgesamt deutlich das Inventar von Gefahrstoffen – hier die Produkte der Organischen Peroxide, welche leicht brennbar sind und bei unkontrollierter Wärmeeinwirkung auch sich selbst entzünden können. Allerdings sind die maximalen Lagermengen pro Lagerräumlichkeit streng limitiert. Für die Lagerräume bestehen hohe Auflagen für den Brand- und Explosionsschutz inkl. automatischer Löschanlagen. Die Lagerräume für gekühlte Produkte sind so thermisch isoliert, dass eine sichere Lagertemperatur auch bei einem Stromausfall für etliche Tage gewährleistet ist. Auch müssen die Lagerräume so ausgebildet sein, dass ein Brandübertrag auf einen benachbarten Lagerraum sicher verhindert wird. In einem unterstellten Brandfall ist dieser somit auf einen dieser Lagerräume beschränkt und es brennt maximal das Lagerinventar eines Lagerraums aus – wenn man die Wirkung der Löschanlage vernachlässigt. Ein solcher Brandfall führt – von der Rauchentwicklung abgesehen – zu keiner Gefährdung der Nachbarschaft.
An diesem Brandszenario verändert sich nichts, wenn wie geplant zusätzliche Lagerräume errichtet und betrieben werden. Aus einer Risikobetrachtung heraus, erhöht sich allerdings mit der Anzahl der Lagerräume die Wahrscheinlichkeit, dass es doch zu einem solchen Brandfall kommen könnte. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass ein solcher Brand in einem Lagerraum offensichtlich sehr selten ist. Seit den frühen 80er Jahren lagert das Unternehmen diese Produkte in solchen gesicherten Lagerräumen. In diesen 40 Jahren kam es nie zu einem Brand in einem der Produktläger.
Mit der Erweiterung der Lagerkapazitäten ist somit aus unserer Sicht kein signifikant erhöhtes Sicherheitsrisiko verbunden.
Zu 2.: Im derzeit betriebenen Versandgebäude für Organische Peroxide können mangels vorhandener Kühlräume keine gekühlten Produkte für den Versand kommissioniert werden. Die Kommissionierung erfolgt für diese Produkte deshalb direkt aus den Kühllägern. Mit dieser Logistik ist ein Risiko verbunden, dass die Kühlkette z.B. für eine Produktpalette unterbrochen wird. Dies könnte zu einer thermischen Zersetzung mit Folgebrand führen.
Mit dem geplanten neuen Versandgebäude können solche Risiken vermieden werden, was zu einer verbesserten Sicherheit auf dem Werksgelände beitragen wird.
Eine Verbesserung der betrieblichen Sicherheit wird zusätzlich auch durch die geringere Anzahl von LKW Bewegungen und die geplante Verkehrsführung der LKWs auf dem Werksgelände erreicht.

 

 

 

 

 

 

Fabian Müller-Klug, geboren in München, leidenschaftlicher Radfahrer und -bastler. Liest gerne, diskutiert lieber differenziert als verkürzt.

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