Wir schaffen das? Wir schaffen das!

Ein sehr gelungener Kommentar zur aktuellen Debatte von Thomas Fischer, Bundesrichter in Karlsruhe: LINK

Deutsch-Land

Unser Deutschland ist schön: Wenige Landschaften der Welt sind auf so engem Raum so abwechslungsreich. Wenige Natur-Konstellationen sind so vielgestaltig, so artenreich, so wunderbar. Milde Temperaturen und ausgeglichene Wetterlagen sorgten seit ein paar Jahrtausenden dafür, dass eine große Vielzahl von Völkern in dem Teil der Welt, den wir Europa nennen, zusammentrafen, um Anteile an diesem kleinen Paradies kämpften, sich vermischten, neue Heimaten fanden oder verließen, vertrieben wurden, ankamen, zurückgingen, sich vermischten.

Europa mag nicht die Wiege der Menschheit sein, aber immerhin ist es die Wiege des Kapitalismus. Von ihm ging eine unvorstellbare Gewalt aus, die über 500 Jahre hinweg den größten Teil des gesamten Planeten unterworfen und unter das Joch einer Verwertungskultur gezwungen hat, die bis heute 80 Prozent des Reichtums und der Ressourcen der ganzen Welt auf 10 Prozent ihrer Bewohner lenkt. Diese 10 Prozent sind ebenfalls nicht gleich: Ein Prozent von ihnen – also ein Promille der Weltbevölkerung – kontrolliert wiederum 80 Prozent des Reichtums. Fast jeder Deutsche hat ein Automobil, ein oder zwei Fernseh-Empfänger, eine Grundversorgung der gesetzlichen Krankenkasse und einen Sparvertrag (mit Rücklagen zwischen 200 Euro und 200 Millionen Euro). Immerhin: Selbst der arme Europäer kriegt so viel ab, dass er dem armen Afrikaner aus der Ferne wie ein König erscheint.

Zu den Grenzen der Aufnahmefähigkeit, an denen wir aktuell angelangt sein sollen:

Die „Grenze der Kapazität“ ist in aller Munde. Sie ist aber, so scheint mir, bislang nur die Grenze, bei deren Überschreiten sich an unserem eigenen Leben etwas ändern könnte. Das hat mit „Kapazität“ nichts zu tun und auch nichts mit „Möglichkeit“, sondern mit der Definition von Selbst und Fremd, Innen und Außen.

„An der Grenze angelangt“ soll Deutschland sein. Diese Grenzen sind aber – und jeder, der nicht blöd und abgestumpft ist, weiß das – schon lange da und kein bisschen überraschend: Die Welt zerfällt in wenige reiche und viele arme Regionen. In der einen oder der anderen geboren zu sein, ist kein Verdienst; es beeinflusst auch nicht die Intelligenz oder die Fähigkeit, Schlussfolgerungen zu ziehen. Daher versuchen Menschen aus den armen Regionen in die reichen zu gelangen. Unsere Vorfahren haben es genauso gemacht.

Ein bisweilen satirischer, manchmal scharfer Kommentar zur aktuellen Diskussion, der im Kern aber immer wieder betroffen macht und zum Nachdenken anregt.

Fabian Müller-Klug

Fabian Müller-Klug, geboren in München, leidenschaftlicher Radfahrer und -bastler. Liest gerne, diskutiert lieber differenziert als verkürzt.

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